Die Presse | Norwegen-Modell für Österreich: Was 700 Millionen im Jahr wirklich ergeben

Norwegen-Modell für Österreich: Was 700 Millionen im Jahr wirklich ergeben

Bundeskanzler Christian Stocker hat einen Staatsfonds zur Absicherung der Pensionen ins Spiel gebracht, rund 700 Millionen Euro jährlich, mit Verweis auf skandinavische Vorbilder. Ich habe nachgerechnet, was daraus über eine reale Anlageperiode würde. Die Presse hat die Rechnung diese Woche aufgegriffen.

Der Anlass

Ende August hat der Bundeskanzler vorgeschlagen, etwa die Hälfte der Gewinne aus staatlichen Beteiligungen in ein Pensionsvermögen zu investieren. Genannt wurde eine Größenordnung von rund 700 Millionen Euro pro Jahr. Als Vorbild dienen die skandinavischen Staatsfonds, allen voran der norwegische Government Pension Fund Global.

In der Debatte danach wurde viel über den Vorschlag gesagt und wenig gerechnet. Genau das habe ich gemacht.

Beate Lammer hat die Rechnung für Die Presse aufgegriffen, der Beitrag ist im Economist erschienen.

Die Presse | Artikel im Economist

Die Rechnung

Angenommen wird eine jährliche Einzahlung von 700 Millionen Euro, jeweils zum Jahresende, veranlagt zur Durchschnittsrendite des norwegischen Staatsfonds von 6,86 % pro Jahr. Zum Vergleich stehen zwei Alternativen, die derzeitige Rendite einer zehnjährigen österreichischen Bundesanleihe und der 3-Monats-Euribor, beide zum Stand 28. August 2026.

Nominal, in Milliarden Euro

Veranlagung 10 Jahre 20 Jahre 30 Jahre 40 Jahre 50 Jahre 60 Jahre
Eingezahlt 7,0 14,0 21,0 28,0 35,0 42,0
3-Monats-Euribor, 2,573 % 7,9 18,0 31,1 48,0 69,7 97,7
Bundesanleihe 10 Jahre, 3,49 % 8,2 19,8 36,1 59,0 91,4 137,0
Norwegischer Staatsfonds, 6,86 % 9,6 28,3 64,5 134,8 271,3 536,4

 

In heutiger Kaufkraft, bei 2 % Inflation, in Milliarden Euro

Veranlagung 10 Jahre 20 Jahre 30 Jahre 40 Jahre 50 Jahre 60 Jahre
Eingezahlt 5,7 9,4 11,6 12,7 13,0 12,8
3-Monats-Euribor 6,5 12,1 17,2 21,7 25,9 29,8
Bundesanleihe 10 Jahre 6,7 13,3 19,9 26,7 34,0 41,8
Norwegischer Staatsfonds 7,9 19,0 35,6 61,0 100,8 163,5

 

Das Bemerkenswerte steht nicht in einer einzelnen Zelle, sondern in der Bewegung der Zeilen. Nach zehn Jahren trennen die Bundesanleihe und den norwegischen Weg 1,4 Milliarden Euro. Das ist im politischen Alltag kein Unterschied, über den jemand streitet. Nach dreißig Jahren sind es 28,4 Milliarden, gegenüber dem Geldmarkt sogar 33,4 Milliarden und damit mehr, als insgesamt eingezahlt wurde.

Der Abstand entsteht nicht im ersten Jahrzehnt. Er entsteht im dritten.

Wichtig zur Einordnung: Das ist ein Zinsvergleich, keine Prognose. Die Rechnung zeigt, was drei verschiedene Verzinsungen aus derselben Einzahlung machen. Die 6,86 % sind realisierte Vergangenheit und keine Zusage für die Zukunft.

Was am Ende jährlich herauskäme

Der norwegische Fonds gibt jedes Jahr Mittel an das Budget ab, begrenzt durch eine Entnahmeregel von 3 % des Fondsvermögens zu Jahresbeginn. Auf den österreichischen Pfad übertragen:

Zeitpunkt Fondswert Entnahme 3 % in heutiger Kaufkraft
nach 30 Jahren 64,5 Mrd EUR 1,93 Mrd EUR 1,07 Mrd EUR
nach 40 Jahren 134,8 Mrd EUR 4,04 Mrd EUR 1,83 Mrd EUR
nach 60 Jahren 536,4 Mrd EUR 16,09 Mrd EUR 4,90 Mrd EUR

Zur Einordnung: Der Bund wendet für Pensionen heuer rund 30 Milliarden Euro auf, 18,0 Milliarden als Bundesbeitrag zur gesetzlichen Pensionsversicherung und rund 11,8 Milliarden netto für die Beamtenpensionen. Ein Fonds in der genannten Größenordnung würde nach dreißig Jahren also einen einstelligen Prozentsatz davon decken, und der Bundesbeitrag wächst in dieser Zeit weiter.

Das ist keine Absicherung des Pensionssystems. Es ist ein zusätzlicher Baustein, und als solcher sollte er auch benannt werden.

Drei Dinge, die man über Norwegen wissen sollte

Erstens: Öl erklärt nur ein Viertel des Fonds.

Der Government Pension Fund Global steht zum 30. Juni 2026 bei 22.683 Milliarden Kronen, umgerechnet zum EZB-Referenzkurs desselben Tages rund 2.006 Milliarden Euro. Je Einwohner sind das rund 356.000 Euro. Die Herkunft dieses Vermögens weist der Fonds selbst aus:

Bestandteil Anteil
Kumulierte Anlagerendite seit 1998 67,1 %
Kumulierte Nettozuflüsse des Staates aus Öl und Gas 24,3 %
Währungseffekt 8,7 %

Gut zwei Drittel dieses Vermögens hat der Kapitalmarkt erzeugt, rund ein Viertel das Öl. Damit ist der häufigste Einwand, Norwegen habe eben Öl und Österreich nicht, mit norwegischen Zahlen beantwortet.

Zweitens: Der Fonds funktioniert über die Entnahmeregel.

Die sogenannte Handlungsregel wurde 2001 bei rund 4 % eingeführt und im Frühjahr 2017 auf 3 % gesenkt. Beide Werte sind an der erwarteten realen Rendite geeicht. Die Logik ist schlicht: Wer nicht mehr entnimmt, als das Vermögen real erwirtschaftet, erhält dessen Kaufkraft.

Entscheidend ist die Bezugsgröße. Gerechnet wird auf das Fondsvermögen zu Jahresbeginn und nicht auf den laufenden Ertrag. Ein schlechtes Börsenjahr löst damit keinen Automatismus aus, und der Staat muss nicht in fallende Märkte hinein verkaufen.

Norwegen entnimmt 2026 laut revidiertem Nationalbudget 579 Milliarden Kronen, rund 51 Milliarden Euro. Das sind 2,7 % und damit weniger als erlaubt. Damit werden 26,8 % der Ausgaben des Staatshaushalts gedeckt, also etwas mehr als jede vierte Krone. Der Fonds wächst trotzdem weiter.

Drittens: Die Aktienquote ist eine Folge des Auftrags.

Der Fonds hält zum 30. Juni 2026 72,1 % Aktien, 25,8 % Anleihen, 1,6 % nicht börsennotierte Immobilien und 0,5 % nicht börsennotierte erneuerbare Infrastruktur. Liquide und börsennotiert sind damit 97,9 %.

Diese Aktienquote ist keine Frage der Risikofreude. Wer die Kaufkraft eines Vermögens über Generationen erhalten und gleichzeitig jedes Jahr 3 % real entnehmen will, kommt mit Anleihen allein nicht aus. Der Beleg dafür, dass die Rechnung aufgeht: Für die Periode 1998 bis 2025 weist der Fonds eine reale Nettorendite von 4,3 % pro Jahr aus, bei 6,6 % nominal. Die Realrendite liegt über der Entnahmequote, deshalb wächst der Fonds trotz laufender Entnahme. Rechnet man bis zum 30. Juni 2026, steigt die nominale Durchschnittsrendite auf 6,86 %.

Der Preis dafür

Ein Portfolio mit rund 72 % Aktien schwankt, und in schlechten Jahren steht eine Zahl mit einem Minus davor.

Jahr Rendite im Währungskorb
2008 minus 23,3 %
2018 minus 6,1 %
2022 minus 14,1 %

Norwegen hat diese Jahre ausgehalten, und zwar aus konstruktiven Gründen. Die Entnahme bemisst sich am Jahresanfangsvermögen, die Regel ist als Richtwert über den Konjunkturzyklus formuliert, und der Zeithorizont ist ausdrücklich generationenübergreifend definiert.

Die entscheidende Frage für Österreich ist deshalb nicht, ob 6,86 % erreichbar sind. Sie lautet, ob ein politisches System ein Jahr mit minus 23 % übersteht, ohne die Regeln zu ändern.

Was Österreich übernehmen könnte

Wenn ein solcher Fonds kommt, entscheiden sechs Konstruktionsmerkmale darüber, ob er trägt.

  1. Die Entnahmeregel zuerst, das Geld danach. Gesetzlich verankert, bezogen auf das Fondsvermögen zu Jahresbeginn, beschlossen bevor die erste Einzahlung fließt. Wer die Regel erst schreibt, wenn der Topf groß ist, schreibt sie unter Druck.
  2. Ein Zufluss, der nicht mit der Konjunktur schwankt. Gewinne aus Staatsbeteiligungen fallen genau dann geringer aus, wenn das Budget ohnehin unter Druck steht.
  3. Ausschließlich Veranlagung im Ausland. Der norwegische Fonds investiert kein Geld in Norwegen. Das hält ihn strukturell aus der Standortpolitik heraus.
  4. Liquide, börsennotiert, indexnah. Täglich bewertbar, kostengünstig, überprüfbar.
  5. Trennung von Mandatgeber und Verwalter. Das Finanzministerium setzt das Mandat, die Notenbank verwaltet, das Parlament bekommt jährlich Bericht.
  6. Volle Transparenz. Norwegen veröffentlicht sämtliche Positionen. Das ist der Grund, warum die Debatte dort sachlich bleibt.

Der Gegenfall dazu ist Irland. Der National Pensions Reserve Fund wurde aufgebaut und 2009 per Gesetz angewiesen, 7 Milliarden Euro in Vorzugsaktien zweier Banken zu investieren, davon 4 Milliarden aus dem Fondsvermögen. Das Gesetz setzte die bis dahin geltende Anlagepolitik für diese Investitionen außer Kraft. 2014 ging der Fonds im Ireland Strategic Investment Fund auf. Der Fall belegt die Governance-These, er widerlegt sie nicht.

Was diese Rechnung nicht sagt

Sie sagt nicht, ob Österreich einen Staatsfonds haben soll. Das ist eine politische Entscheidung über die Verwendung öffentlicher Mittel, und sie gehört nicht in ein Gutachten.

Sie sagt auch nichts über künftige Renditen. Sie zeigt eine Größenordnung.

Und sie beantwortet nicht die schwierigste Frage, nämlich woher das Geld kommt. Norwegen speist seinen Fonds aus Öl- und Gaseinnahmen zusätzlich zum ordentlichen Budget. In Österreich wäre es entweder eingespartes oder geborgtes Geld. Ein kreditfinanzierter Staatsfonds ist eine Hebelposition, und wer den Fonds befürwortet, befürwortet diese Position mit.

Die Studie dahinter

Die Analyse des Government Pension Fund Global ist im Juni 2026 über die FH JOANNEUM Graz erschienen. Sie ist Whitepaper A-01 der Reihe „Investmentstrategien der Weltbesten, 30+ institutionelle Fondsmodelle bis 2029″. Die Whitepapers zu Norwegen und zum Yale Endowment liegen vor, die Analyse zum deutschen KENFO folgt als nächste.

 

Quellen der Zahlen

NBIM Halbjahresbericht 2026, Renditeübersicht und Jahresbericht 2025. Norwegisches Finanzministerium, revidiertes Nationalbudget 2026. EZB-Referenzkurs zum 30. Juni 2026, 11,3105 Kronen je Euro. Statistik Austria und Statistisk sentralbyrå für die Bevölkerungszahlen. Budgetdienst des österreichischen Parlaments, Untergliederungen 22 und 23, für den Pensionsaufwand des Bundes. Zinssätze zum 28. August 2026.

Zur Person

Dr. Josef Obergantschnig ist Hochschullektor an der FH JOANNEUM Graz, Unternehmer sowie allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Börsenwesen und Bankwesen sowie für Wertpapier- und Fondsgeschäfte.

Für Rückfragen von Redaktionen: die vollständige Modellrechnung mit allen Annahmen und Quellen stelle ich auf Anfrage zur Verfügung

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